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Stand: Nov. 2014




























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 Das andere Münster - zwischen Kirchen, Strafjustiz,
 nationaler Mehrheit und Einheit, Kunst, ... 
 in: Rosa Geschichten, Arbeitskreis des KCM e.V. (Hg.),
 Eine Tunte bist Du auf jeden Fall - 
 20 Jahre Schwulenbewegung in Münster,
 Münster 1992, S. 73 - 83
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Das andere Münster
zwischen Kirchen, Strafjustiz, nationaler Mehrheit und Einheit,
Kunst, Wissenschaft, Politik und Menschenrechten,
den Niederlanden und anderen Nachbarregionen

Feuer und Schwefel

Feuer und Schwefel, so heißt es schon im Genesis-Bericht der biblischen Überlieferung, sollen über die "Sodomiter" fallen, das heißt - im landläufigen Bibelverständnis: über Homosexuelle.

Solch ein "biblischer" Einstieg mag hier etwas erstaunen, doch scheint er gerechtfertigt: in einer Bischofsstadt, die wesentlich von kirchlich religiösen, katholischen Traditionen geprägt ist, die eine der größten deutschen Theologenfakultäten und sogar ein Institut für neutestamentliche Textforschung von Weltruf beherbergt.

Was in biblischer Tradition über Homosexuelle geschrieben worden ist, hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Noch vor wenigen Jahren meinte der Literaturhistoriker Hans Mayer; daß es auch in der Gegenwart noch immer "Feuer und Schwefel" - im übertragenen Sinne versteht sich - auf Homosexuelle niederfallen (Mayer, S. 182). Das mag vor allem für die nationalsozialistische Zeit gelten, als Homosexuelle verfolgt, ermordet und schließlich tatsächlich dem Wortsinn nach: dem "Feuer "überantwortet: in den KZ-Öfen verbrannt wurden. Falls sie das KZ überlebten, wurden sie auch von "Wiedergutmachung "oder öffentlicher Anerkennung ausgeschlossen. Wann wird die katholische Kirche ein Bedauern zu diesen Verbrechen an Homosexuellen äußern? Die ermordeten NS-Opfer wurden in der Adenauer-Zeit zusätzlich "tot "-geschwiegen. In Münster enthielten sich Presse und Öffentlichkeit standhaft jeder Zuwendung oder Aufmerksamkeit.
Trotzdem hat sich zu allen Zeiten die menschliche Natur durchgesetzt. Das konnten alle Anstrengungen, Verfolgung und Vernichtung, jahrhundertelange Diskriminierung von Kirchen und anderen Institutionen nicht verhindern.
 

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Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der erlebt!
Die erste Schwulen Demonstration in Münster

Erst in den 60er Jahren lockerte sich die Mehrheitsdiktatur allmählich gegenüber der homosexuellen Minderheit. Wichtige Anstöße gaben die liberalen Verhältnisse in Skandinavien, den Niederlanden, insbesondere das Beispiel der DDR, die 1968 das Strafrecht reformierte. Das Bemühen der Bundesregierung um gesamtdeutsche Gemeinsamkeiten [gab] den einschlägigen Reformbemühungen im Westen neuen Auftrieb. Als dann das bundesdeutsche Strafrecht 1969 endlich gemildert wurde, traf diese Reform in Münster auf fruchtbaren Boden, vorbereitet durch die "68er-Revolution" an der Universität, die "Sexuelle Revolution" und andere Impulse. - Wer sich freilich in der münsterschen Ortspresse über die Studentenunruhen der End¬60er informieren will, wird vergeblich suchen. Das erstaunt umso mehr weil Münster mit dem Insider-Treff, dem „Schwarzen Schaf“ an der […]straße, eine besondere Adresse von überregionaler Bedeutung war. Der Funke sprang über, als Ende 1971 […] Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, (..)" gezeigt wurde. Lag es an der münsterschen Atmosphäre oder war es das Verdienst einzelner Akteure und ihrer Initiativen, daß dann in Münster die erste "Schwulen-Demonstration" [West-]Deutschlands stattfand? Von der Ortspresse blieb sie ebenso ignoriert wie alle nachfolgenden Veranstaltungen, die Münster zeitweilig zu einer Art Koordinationszentrale schwulen-aktiver Gruppen in Deutschland werden ließ. Allen voran: die HSM (Homophile Studentengruppe Münster). Es gibt wohl nur wenige namhafte Schwulen-Akteure dieser Zeit, die damals nicht zu irgendeinem Treffen in Münster waren. Von Anfang an war das studentische Element ein maßgebender Faktor. Die Anbindung an Wissenschaft und Forschung gewährleistete eine umfassende Reflexion und eine gewisse Kontinuität. Manche Akteure von damals wirken heute als Hochschulprofessoren. Außer der HSM gab es viele kleinere "Neben"-Gruppen, private Zirkel mit halb öffentlichem oder zumindest kontinuierlichen Charakter Auch die Kneipen-Szene änderte sich, neben dem „Rauchfang“ und dem „Club Royal“ u.a. gab es viele Jahre „Rüther“ in der Sonnenstraße mit seinem eigenen Charme: mit unverschlossener Tür, mit einfach bürgerlicher "normaler" Ausstattung, mit dem faszinierenden Nebeneinander aller "Farben". Ende der 70er Jahre gab es vorübergehend auch andere Gaststätten, die als einschlägige Treffs von Bedeutung waren: „L'Aiglon“ im Kuhviertel und das „Grünhaus“ an der Grevener Straße, wo manche Großveranstaltung stattfand (vgl. Münstersche Zeitung vom 20.12. 1980).
 

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Das Beispiel der Niederlande

Von besonderer Anziehungskraft waren die benachbarten Niederlande - in mehrfacher Hinsicht: Zum Wochenende zogen viele Münsteraner ins nahegelegene Grenzstädtchen Enschede: ins „Het Boelke“, gelegentlich auch bis nach Amsterdam, oder - bei gutem Wetter - nach Zandvoort. Bei jedem dieser Ausflüge konnte man feststellen, wie attraktiv und nachahmenswert das niederländische Beispiel war. Aus den Niederlanden wurden emanzipatorische Schriften "eingeführt" und diskutiert, zeitlich parallel zur Aufregung in katholischen münsterschen Kreisen über den freiheitlichen Holländischen Katechismus. Mit staunenden Ohren und voller Bewunderung hörte man in Münster von der national-niederländischen Schwulenorganisation, dem COC, unter der Schirmherrschaft des Staatsoberhauptes, der Königin der Niederlande! Sollte das deutsche Pendant, der Bundespräsident, einmal einer ähnliche Organisation in Deutschland vorstehen? Von solchen Ideen war man in Deutschland noch weit entfernt. Es wäre schon beachtlich gewesen, hätten auch außerschwule Kreise oder gar die Presse in Münster davon Kenntnis genommen - in einer Stadt, deren Institutionen sich als vorrangige Ansprechpartner der Niederlande in Deutschland verstehen!

Neue Wege eines "schwulen" Kunstverständnisses im Rheinland

Natürlich gab es auch andere Impulse, zum Beispiel neue Wege eines "schwulen" Kunstverständnisses: der wachsende Einfluß des schwulen Künstlers Andy Warhol in Deutschland vor allem seit den 70er Jahren

(Abb. :Andy Warhol Torso, 1977)
 

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(z.B. Kölner Sammlung Ludwig) gab dem schwulen Selbstverständnis in den münsterschen Schwulengruppen an der Universität neue Anregungen. 1976 veröffentlichte Hans Mayer seine sensationelle Studie über "Außenseiter" in Kunst und Literatur In den Buchkapiteln "Judith und Dalila", "Sodom" und "Shylock" verglich er dabei Homosexuelle, Juden und emanzipierte Frauen miteinander, um so verblüffende Parallelen zu erkennen. Sein "offener Schluß" provozierte die Leserschaft zur eigenen Urteilsbildung, die der Schwulenbewegung neue Horizonte auch im Kunst- und Selbstverständnis erschloß. 1977 wurde Cécile Beurdeleys "L'Amour bleu - Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes" in Münster bekannt. Beurdeley zeigte neue Wege der Kunstrezeption, aber auch des schwulen Selbstverständnisses: Meisterwerke, zum Beispiel die Sixtinische Kapelle im Vatikan oder andere Werke des "schwulen" Michelangelo erschienen in völlig neuem, öffentlichen Licht.

Homosexualität als Geschenk und Berufung Gottes?

Auf dem Evangelischen Kirchentag 1977 in Berlin (West) gründete sich die Gruppe HuK (Homosexualität und Kirche), die seither kontinuierlich den Dialog mit den Kirchen anmahnte.

Für die katholischen Schwulen war die Situation besonders schwierig, war doch noch 1976 eine Erklärung der römischen Kongregation für Glaubenslehre erschienen, die die herkömmliche Diskriminierung aufrechterhielt. Sie ist bis heute unwidersprochen geblieben. Gewisse Hoffnungen weckte theologische Versuche, zum Beispiel von Wunibald Müller, der eine umfassende Umfrage unter katholischen Priestern und deren Einstellung zur Homosexualität vorlegte. Fazit war, daß die überwiegende Mehrzahl der befragten Priester sich zuständig fühlte und die Akzeptanz homosexueller Menschen und ihrer Lebensentscheidung befürworteten. Was Kirchenobere forderten und was Pfarrer vor Ort empfahlen, zeigte das Dilemma katholischer Theologen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So dauerte es in Münster noch bis 1982, bis einige Theologen sich zu einer HuK¬Gruppe zusammenschlossen. Inzwischen ist die HuK ein auf circa 700 Mitglieder gewachsener Verein, dem in der katholischen Kirche aber noch immer die offizielle Anerkennung und Förderung versagt blieb - im Gegensatz zur evangelischen Kirche, die sich stärker dem Dialog und der Verantwortung öffnete.

1982 verfaßte der evangelische Düsseldorfer Gemeindepfarrer Hans Georg Wiedemann sein umfassendes Werk über "Homosexuelle Liebe
 

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- Für eine Neuorientierung in der christlichen Ethik". In diesem Buch trug er biblisch und theologisch begründete Zweifel gegen die vorherrschende Sexualdoktrin der Kirchen vor und belegte auch innerkirchliche Widersprüche. Wiedemann verwahrte sich dagegen, das Thema ausschließlich auf Sexualität zu reduzieren: 
"... daß es mir im Kern um Liebe geht, um die Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts ..."
auch in ihrer moralischen und ethischen Dimension. So erinnerte er an das biblische Beispiel, die Erzählung von König David und seiner Liebe zu Jonathan (Wiedemann, S. 80 [vgl. 1 Samuel 20,17 und 41 und 2 Samuel 1,17ff]). Darf ein gläubiger Christ nun seine Homosexualität als Geschenk oder gar als Berufung Gottes bewundern und, wie früher schon Michelangelo, zum "Lobe Gottes" nutzen und genießen? Nach dieser theologischen Auffassung wäre auch die gleichgeschlechtliche Liebe ein Abbild Gottes! Beachtlich war die jüngste innerdeutsche Diskussion über die Entwicklung in Dänemark, wo ein evangelischer Pfarrer und sein Freund von seiner Gemeinde und Kirchenleitung akzeptiert und anerkannt werden, oder in Bayern, wo eine Gottesdienstordnung zur Einsegnung homosexueller Partnerschaften erarbeitet wird.

Die öffentliche politische Würdigung der Homosexuellen: Bekenntnis zum Rosa Winkel

Von Bedeutung war auch die öffentlich politische Würdigung der Homosexuellen. Am 8. Mai 1985 erwähnte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker erstmals in einer Gedenkstunde des Deutschen Bundestages - leider bisher auch das letzte Mal: daß Homosexuelle zu den erinnerungswürdigen Opfern des Nationalsozialismus gehören. Bald darauf entzündete sich eine Diskussion um die staatliche "Wiedergutmachung" der begangenen Verbrechen, die ab 1988 in nachweisbaren Fällen zumindest durch einen symbolischen Betrag gewährt wurde und schließlich zur pauschalen Förderung einer Stiftung führte. Die Homosexuellen- Verfolgung wurde Gegenstand einschlägiger Forschung an den Universitäten, auf dem Büchermarkt, in Museumsausstellungen und auf Theaterbühnen ("Bent - Rosa Winkel" von Martin Sherman, deutsche Erstaufführung 1979/80 im Nationaltheater Mannheim). Wichtige Ausstellungen waren das Berliner "Eldorado" 1984, die Baseler "Männergeschichten" 1988, Amsterdams "Two of a kind" und die Kölner "Verführte Männer" 1991. Die öffentliche Erinnerung - unter dem nationalsozialistischen Stigma des "Rosa Winkels", den die homosexuellen KZ-Häftlinge
 

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tragen mußten, verhalf zu einem neuen verstärktem Selbstbewußtsein unter Schwulen und fügte sich ein in den Kampf um Identitätssuche und öffentlich verbindliche Anerkennung in Deutschland. In manchen Gedenkstätten wurden Rosa-Winkel-Erinnerungstafeln angebracht, zum Beispiel in Neuengamme und in Bergen-Belsen. In Münster gab es ebenso zahlreiche Versuche, der schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus auf einer Mahntafel zu gedenken, diese blieben aber ohne Erfolg. Eine zentrale deutsche Mahnstätte zur Erinnerung an den Holocaust der Homosexuellen, zum Beispiel nach dem Vorbild des niederländischen Homo-Monument in Amsterdam gibt es ebensowenig.

Neue Schatten: HIV / Aids und Wörner Kießling-Affäre

Tiefe Schatten und Rückschläge brachte aber das HIV/Aids-Syndrom, dessen tödliche Wirkung unter den Infizierten, doch ebenso die sozialen und politischen Folgen. Sie belegten die fortwährende, menschenverachtende Diskriminierung von Homosexuellen, die in einer Erklärung des Erzbischofs Johannes Dyba deutlich wurde:
"Unsere Vorfahren haben die Geißeln Gottes stets als Anruf Gottes zur Umkehr aufgefaßt. Für die Aids-Infizierten spielen das Leben und die Zukunft keine Rolle mehr Sie müssen nicht nur sterben, sie können auch für die Menschheit nichts mehr einbringen. Sie werden praktisch ausgelöscht",
so im Bonifatius-Boten (Fulda 1987)! Solcherart "seelsorgerische" und theologische "Kompetenz "erinnert an die biblisch apokalyptische Warnung vor den "Wölfen im Schafspelz", blieb aber bis heute auch in der Bischofsstadt Münster unwidersprochen! - Die neue Notlage beschleunigte einen Entwicklungstrend zur Gründung schwuler Selbsthilfe-Organisationen, zum Beispiel in der Deutschen AIDS-Hilfe oder auch im KCM.

Eine weitere schwere Herausforderung war die Wörner-Kießling¬Affäre 1983/84, die das Thema Homosexualität zwar erstmals auf die Titelseiten in Münster katapultierte, andererseits aber die althergebrachten Vorurteile verschärfte und in den Dienst tagespolitischer Auseinandersetzungen zerrte. Konsequenzen einer Neubewertung der Homosexualität oder eine öffentliche Entschuldigung für die erneute Diffamierung der homosexuellen Lebensform zum Beispiel in der Presse blieben aber aus. Auch in diesem Zusammenhang wäre ein Blick über die Grenzen in die
 

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benachbarten Niederlande hilfreich gewesen, wo einseitige Darstellungen oder Hetze in den Medien vermieden werden, wo Homosexualität als ein "normales" oder natürliches Phänomen in die Struktur der Streitkräfte integriert wurde. Die Amsterdamer Polizeibehörde warb sogar ausdrücklich um schwule Nachwuchskräfte.

Neue Bücher und Filme - "Ein Käfig voller Narren"

Zweifellos ist die Gesamt-Situation wieder etwas offener und unbefangen "natürlicher" geworden. Homosexuelle sind als Zielgruppe in der Werbung, in der Presse und für den Büchermarkt entdeckt worden. Mehrere münstersche Buchhandlungen haben inzwischen ein festes Sortiment "homosexueller" Literatur in ihrem ständigen Angebot. Darüber hinaus haben die schwulen Comics von Ralf König aus dem "benachbarten" Dortmund das Sortiment auch anderer Buchläden bereichert. - Neuere Film-Produktionen widmen sich dem Thema mit neuem aufgeschlossenem Verständnis. In der münsterschen Kino-Szene, ohnehin bekannt und "verwöhnt" durch ein überdurchschnittlich differenziertes Anspruchsniveau, fanden sie besonderes Interesse. Auch das gastronomische Angebot veränderte sich mit einer Vielzahl neuer Gaststätten, manche sogar mit Kleinkunstbühnen und mit anspruchsvollen Veranstaltungen. Für die Kulturszene vor Ort war das Musical "Ein Käfig voller Narren" 1986 bis 1988 ein herausragendes Angebot - mit einem außergewöhnlichen Zuschauerandrang über drei Spielzeiten. Wurden Humor und Satire des Stückes zwar unterschiedlich bewertet, so erschien doch eine homosexuelle Partnerschaft hier erstmals in positivem Licht.

1990 luden sie Städtischen Bühnen zu einer Podiumsdiskussion mit Rolf Hochhuth, dem Autos des Dramas "Der Stellvertreter" ein. Das Theaterstück wurde zum zweiten Mal im Großen Haus aufgeführt mit seinen kirchenkritischen Aussagen, die der Autor noch verschärfte. Wenige Jahre zuvor hatte Hochhuth auch die Tragik der Homosexuellen-Verfolgung und ihrer Folgen in einem neuen Werk behandelt: über Alan Turing, den Gründer der ersten "Computer "-Maschine. Hochhuth wies die entscheidende Bedeutung Turings während des 2. Weltkrieges nach, als er den Geheim-Code der nationalsozialistischen Kriegsführung entzifferte und so den alliierten Kriegserfolg überhaupt erst ermöglichte. Trotz dieser Verdienste wurde Turing dann aber wegen seiner Homosexualität zur Sterilisation gezwungen, bald darauf in den Tod getrieben und bis heute ignoriert. So lehrreich sein Buch über die Homosexualität und deren Unterdrückung sein mag, so zielte
 

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Hochhuths Interesse aber auf eine andere Frage nach dem Einfluß und dem Handlungsspielraum einzelner unter dem kollektiven, gesellschaftlichen Anpassungsdrang.

Gleichberechtigung in Staat, Gesellschaft und Kunst?

Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten gab 1990 den erneuten Anstoß, die strafrechtliche Sonderbehandlung und Diskriminierung von Homosexuellen ganz aufzuheben. Wer die Rechtspraxis einiger Nachbarländer, Skandinavien und die Niederlande zu Rate zieht, wird die Gleichberechtigung aber eher als ein Menschenrecht oder als eine überfällige Konsequenz der Menschenwürde fordern, wie sie im Grundgesetz schon erwähnt ist (Art. 1). In den Niederlanden (Universität Utrecht) werden bereits Initiativen für die internationale Menschenrechtsbewegung vorbereitet. Außerdem wird dort an einem besonderen Antidiskriminierungsgesetz nach dem Vorbild der gesetzlichen Gleichstellung von Mann und Frau gearbeitet. Das alles kann auch in Deutschland als Vorbild dienen. Vielleicht führt die Initiative der Bundesländer Berlin, Brandenburg und Niedersachsen zum Erfolg, die Gleichberechtigung auch hinsichtlich der sexuellen Orientierung in das neue Grundgesetz aufzunehmen?

Hoffnungsvolle Perspektiven boten kulturelle Maßnahmen, die zur Versachlichung der Fragen beitragen könnten. Einige große Ausstellungen der letzten Jahre befaßten sich mit dem "Mann" in Kunst und Gesellschaft, zum Beispiel "Männersache" 1987 in Hamburg, "Polyktet" 1990 in Frankfurt/Main, "Männerbünde" 1990 in Köln, "Bertel Thorwaldsen "1992 in Nürnberg und Schleswig. Unter "schwulem" Blickwinkel war eine Düsseldorfer Ausstellung von besonderem Interesse. Sie würdigte 1992 den schwulen Künstler Robert Mapplethorpe in einer eigenen Ausstellung und verglich dessen Kunst mit dem Werk von Auguste Rodin und der Tradition eines Michelangelo! Was Rodin und Mapplethorpe miteinander verband war, so die Experten, die Anbindung an klassische Traditionen, das Interesse an Erotik und Ästhetik des menschlichen Körpers, auch die provozierende, existentielle Wirkung. Diese Ausstellung betonte die Parallelen und Gemeinsamkeiten über die sonstwo immer wieder geschürten hetero- und homosexuellen Grenzen hinweg und demonstrierte so eine Gleichbehandlung, die die Entwicklung in anderen Lebensbereichen vorwegnahm.

Was Rodin über Kunst erklärte, fand, so die Veranstalter, in Mapplethorpe eine zeitgemäß vollendete Ausdrucksform:
 

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(Abb.: Derrick Cross 1983, fotographiert von Robert Mapplethorpe)

"Kunst ist vor allem Geschmack. Sie ist die Reflexion des Herzens des Künstlers über die Dinge, die er schafft. Sie ist das Lächeln der menschlichen Seele. (..) Sie ist der Charme der Gedanken und der Gefühle, die all dem innewohnen, was dem Menschen von Nutzen ist."

Immerhart Edel van Traute
 (Arnold Vogt)
 

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Literatur (Auswahl) 

H. BECK u.a. (Hg.): Polyktet, der Bildhauer der griechischen Klassik. Ausstellungskatalog für das Liebighaus. Mainz (Verlag Philipp von Zabern) 1990.

BERLINER MUSEUM / Rolf BOTHE (Hg./Red.): Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950, Geschichte, Alltag und Kultur Ausstellungskatalog. Berlin (Fröhlich & Kaufmann) 1984.

Cécile BEURDELEY.' L'Amour Bleu. Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes. Übers. v. Doris Plattner und Michael Lim. Fribourg (Office du Livre) und Köln (DuMont) 1977.

Gerhard BOTT und Heinze SPIELMANN (Hg.): Künstlerleben in Rom. Bertel Thorwaldsen (1770-1844), der dänische Bildhauer und seine deutschen Freunde. Ausstellungskatalog für das Germ. Nationalmuseum Nürnberg und das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Schloß Gottorf in Schleswig. Nürnberg 1992.

Germano CELANT: Mapplethorpe versus Rodin. Ausstellungskatalog der Kunsthalle in Düsseldorf. München (Prestel-Verlag) 1991.

Rainer CRONE und Siegfried SALZMANN (Hg.): Rodin, Genius Rodin und Kreativität. Ausstellungskatalog für die Kunsthalle Bremen und die Städtische Kunsthalle Düsseldorf München (Prestel-Verlag) 1991.

Martin DANNECKER: Das Drama der Sexualität. Frankfurt/Main (Athenäum) 1987.

GAY JOURNAL - das Blatt homophiler Emanzipation (Heidelberg). Nr. 3/1972.

HIM - das Magazin mit dem Mann (Hamburg). Jahrgänge 1971-75. HSM-WIR-INFOS 1971ff. Hektographische Schriften.

KAKTUS - (hektogr.) Zeitschrift des "Arbeitskreis Homophilie" der HSM 1971ff.

Rolf HOCHHUTH: Alan Turing. Eine Erzählung Reinbek bei Hamburg 1987.

Anneke van de KIEFT und Frans OEHLEN (Hg.): Two of a kind. A histoty of gays and lesbians in Holland. Ausstellungskatalog für das Historische Museum Amsterdam mit Unterstützung des Reichskultusministeriums. Amsterdam 1989.
 

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KNIPPERDOLLING - Münsteraner Generalanzweifler und Selbsthilfe Netzwerk Münsterland e.V (Hg.): Stattbuch für Münster 1. Aufl., 1980,

Friedrich KOCH: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. Frankfurt/Main (Syndicat) 1986.

Cornelia LIMPRICHT, Jürgen MÜLLER und Nina OXENIUS (Hg.): "Verführte Männer". Das Leben der Kölner Homosexuellen im Dritten Reich. Ausstellungskatalog "Galerie 68/elf "in Köln. Köln (Kölner Volksblatt Verlag) 1991.

Hans MAYER: Aussenseiter. Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1976.

Kynaston McSHINE (Hg.): Andy Warhol - Retrospective. Übers. von Wolfgang Himmelberg und Helmut Schneider, Ausstellungskatalog des Museums Ludwig in Köln. Köln, New York und München (Prestel) 1989.

Eugene MONICK: Die Wurzeln der Männlichkeit. Der Phallus in Psychologie und Mythologie. Übers. v. Jürgen Saupe. München (Kösel) 1990.

Wunibald MÜLLER: Priester als Seelsorger für Homosexuelle. Eine pastoraltheologische und psychologische Untersuchung. Düsseldorf (Patmos) 1979.

MUSEUMSPÄDAGOGISCHER DIENST der Kulturbehörde Hamburg (Hg.): Männersache. Bilder, Welten, Objekte. Ausstellungskatalog. Reinbek bei Hamburg 1987.

Hans Georg STÜMKE: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München (Beck) 1989.

Kuno TRÜEB und Stephan MIESCHER (Hg.): Männergeschichten. Schwule in Basel seit 1930.Ausstellungskatalog der Kulturwerkstatt Kaserne Basel. Basel (Buchverlag Baseler Zeitung) 1988.

Gisela VÖLGER und Karin von WELCK (Hg.): Männerbande Männerbünde. Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich. Zweibänd. Ausstellungskatalog für das Rautenstrauch-Joest¬Museum in Köln. Köln (Rautenstrauch-Joest-Museum) 1990.

Hans Georg WIEDEMANN: Homosexuelle Liebe. Für eine Neuorientierung in der christlichen Ethik. Stuttgart und Berlin (Kreuz-Verlag) 1982.
 
 
 

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